Die Inhaltsangabe / Leseprobe zum Buch
Full Moon Party
Ein schöner Traum. Es ist Weihnachten und es hat geschneit. Mit meiner süßen Tochter spiele ich im Schnee. Wir bauen einen Schneemann. Dicke weiße Kristallflocken schweben langsam der Erde entgegen und werden von einer aufkommenden Brise zum Tanzen gebracht. Alle Geräusche in dieser verzauberten Winterlandschaft sind so angenehm gedämpft. Wie in Watte gepackt. Ihr braunes, hübsches Gesicht bildet einen auffallenden Kontrast in der märchenhaften, puderzucker-artigen Landschaft. Schwarze lockige Haare flattern entfesselt im Wind. Perfektes Glück. Sie ist ein Mischlingskind. Die Mutter ist Afrikanerin. Wir lachen, wir singen: Jingle Bells, Jingle Bells…….süßer die Glocken nie klingen…..als zur Weihnachtszeit……ein unangenehmer Ton……..leise weit entfernt, Jingle Bells……näher kommend……perfekte Idylle……..aufdringlicher…..süßer die Glocken nie klingeln……penetrant…..rrrriiiing!!!, rrriiiing!!!……habe die Weihnachtsglocken anders in Erinnerung………..rrrriiiing!!!…….rrriiiiinng!!!….mahnend…..
bösartig…..kreischend! Wie in einer Zeitmaschine werde ich durch einen Tunnel zurückkatapultiert der Wecker ………ich schrecke hoch, aus der glückliche Traum!! Krampfhaft versuche ich meine schweren Lider zu heben, blinzele mit verklebten müden Augen. Ist es schon so weit? Party Time? Tiefe Bässe wabern durch mein Zimmer, versetzen einen Kerzenhalter, der auf meinem Nachttisch steht in gleichmäßige Schwingungen, massieren meine Magengegend. „Fu[..] you asshole!!” schallt es unangenehm durch die Hütte. Besoffene Italiener, glaube ich. Müssen die Sau raus lassen. Kann man ja nur im Urlaub machen. Zu Hause sind sie bestimmt lammfromm. Wohnen in der Pension Mama!
Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei. Nummer eins schwinge ich galant aus dem Bett. Dann Number Two. Wenigstens sitze ich schon mal. Zum Wachwerden benötige ich unbedingt Red Bull oder Jabba thailändisches Extasy! Psychedelische Pilze sind vielleicht auch nicht schlecht, um noch mal so einen Traum wie eben zu erleben. Oder alles zusammen! Mit schleppendem Gang verkrieche ich mich unter die tröpfelnde Dusche, um mich zu erfrischen. Was mir nicht gelingt. Weder geistig noch körperlich. Das Ergreifen härterer und drastischerer Maßnahmen erscheint mir als die sinnvollste Methode, um am brodelnden gesellschaftlichen Leben weiter teilnehmen zu können. Als logische Konsequenz führt mich der nächste Schritt zum pharmazeutischen Drogenhändler, auch Apotheker genannt. Dort besorge ich mir ein paar Aufputschtabletten, die besonders mit Whiskey zur vollen Entfaltung kommen und mich promt den Supermarkt ansteuern lassen, um mir denselbigen inklusive acht Dosen Red Bull unter den Nagel zu reißen. Das heißt ich bezahle natürlich. Wieder zu Hause verleibe ich mir das gesamte Zeug auf einmal ein und fühle mich augenblicklich wie Speedy Gonzales. Ausgehfertig! Party ich komme!
Am Strand ist die Hölle los, es steppt der Bär. Schätzungsweise zwanzig improvisierte Open Air Discos lärmen um die Wette, beschallen ihre Umgebung mit treibenden, ultraharten Soundkulissen, die kein Bein am Boden lassen. Das ist meine Welt! Sofort fühle ich mich zugehörig in der Gemeinschaft der entrückten, entfesselnden Rave Gemeinde. Jonglierende Feuerkünstler zeigen eine beeindruckende Show. Nackte, attraktive mit Leuchtfarben bemalte Körper zucken im Stroboskopgewitter. Manche Tänzer haben fluoreszierende Stäbe in den Händen, die sie hektisch kreisen lassen. Andere sind glückselig berauscht. Entweder aufgrund der anregenden Musik oder anderer stimulierender Substanzen. Es wird getanzt und gesoffen als gäbe es kein Morgen. Ein Typ mit Ado[..] Hit[..] Maske kommt sich besonders witzig vor, ein anderer hängt sich zwei rosa Bucket Eimer auf seine behaarte Brust, so dass der Eindruck entsteht, er hätte große Tit[..]. Zwei Freaks mit Stetson Hut haben sich mit Leuchtfarben Büstenhalter auf ihre Oberkörper aufmalen lassen, und viele der Tänzer haben sich Orchideenblumenketten um den Hals gehängt. Es fällt mir auf, dass extrem viele Israelis auf der Party sind, die Kinder Zions müssen wohl ihrem von Krieg gebeutelten Land entfliehen, um einmal richtig Spaß zu haben. Quer über dem Strand sind in vier Meter Höhe Drahtseile gespannt, auf denen der beleuchtete Schriftzug „Amazing Thailand“ die Tanzwütigen zur Megaparty willkommen heißt. Faszinierendes Thailand, da muss ich schmunzeln, denn mit dem „Land of Smile“ hat dieses Spektakel absolut nichts zu tun. In der Orchid Bar und im Outback Club spielen gute Thai Cover Bands, spielen Songs von AC/DC, als Kontrast zum basslastigen Elektrogewitter. Auf den Holzbalkonen im zweiten Stock der urigen Bars und Discotheken tanzt eine dermaßen große Menschenmenge, dass ich befürchten muss der Balkon könnte unter dieser enormen Last einfach einstürzen. Zumindest schwingt er schon im Takt der Auf und Niederspringenden Menge mit. Befreit von gesellschaftlichen Zwängen und Normen, geraten die angeheizten Vergnügungssüchtigen völlig außer Kontrolle, sind außer Rand und Band. Ein Typ, der ein T-Shirt mit Atari Logo trägt will mich zum gemeinsamen Joint einladen. Nett von ihm. Gierig inhaliere ich einen tiefen Zug. Schon besser. Eine Thai in knappen rosa Hotpants kommt gefährlich nahe, zappelt und fuchtelt euphorisch vor mir herum. Die Braut ist auf Jabba. Völlig entrückt. Der Suchtteufel in mir schlägt Alarm, gibt keine Ruhe. Ich will auch von dem Zeug haben und mache mich auf die Suche nach den Göttern aller illegaler Substanzen. In meinem fortgeschrittenen betäubten und alkoholisierten Zustand, erscheinen mir drei dreckig grinsende Thais mit fiesen Visagen als besonders vertrauenswürdig. Unauffällig folge ich ihnen in eine schäbige, dunkle Hütte. Keine Ahnung wie viel Geld ich den Galgenvögeln schenke. Als Gegenleistung erhalte ich vier weiße Tabletten, die ich in meinen kleinen Rucksack verschwinden lasse. Nach dieser Aktion, suche ich mir ein ruhiges Plätzchen am Strand und hole eine Whiskeybottle, Cola und ein Singha Bier aus meinem Rucksack. Mit Sangsom Coke spüle ich die Drogen herunter, und als ob das nicht schon genug wäre, leere ich auch noch die Singha Flasche in zwei Zügen. Fortgeschrittenes Stadium der Suchtpersönlichkeit. So viel ist mal Fakt!
Fünf Stunden später! Langsam komme ich zu mir! Benommen! Mit verschwommenem Blick! Wo bin ich? Entferntes Lachen, dumpfe Bässe. Noch weit weg. Meine Hand! Irgendetwas stimmt damit nicht! Schmerzen! Meine Beine! Wie Gummi! Fühlen sich komisch an! Was ist los? Was ist passiert? Abdriften! Erneutes Abgleiten in vollkommene Finsternis. Ein weißer Tunnel! Ein Mann am anderen Ende winkt mir fröhlich zu! Aufkommende panische Angst! Zu jung zum sterben! Noch nicht! Erneute Lichtreflexe! Unangenehm! Stechendes Pochen in den Schläfen, erhöhter Augeninnendruck. Der Tunnel dreht sich wie verrückt um die eigene Achse. Der Mann verschwindet in der Ferne. Ich komme zurück! Ins Leben!
Mein Kopf liegt auf meinem Rucksack und die leere Whiskeyflasche, die sich darin befindet ist zerbrochen. Meine rechte Hand brennt und schmerzt fürchterlich. Ein langer tiefer Schnitt zieht sich quer über den gesamten Handballen. Ich kann meinen geschundenen Körper kaum noch bewegen. Überall habe ich Prellungen. Anscheinend bin ich bewusstlos geworden, und die berauschte tanzende Menge ist skrupellos auf mir herumgetrampelt, wie eine Horde in Panik geratener Elefanten. Zunehmend dämmert es mir, dass dies keine Extasy Pillen waren. Man hat mich gelinkt. Begeistert habe ich Rohypnol Tabletten gefressen. Deshalb kann ich mich auch nicht erinnern was in den vergangenen fünf Stunden passiert ist. Ich Volltrottel! Eigentlich geschieht mir das recht! Mühsam rappele ich mich auf, hänge mir den Rucksack mit den klirrenden Scherben über die Schulter. Mittlerweile ist es fünf Uhr morgens, aber die Party ist noch in vollem Gange. Gefeiert wird bis zum Sonnenaufgang und länger. Ich taumele unsicher den Strand entlang, steige über die ersten Drogenleichen. Natürlich sind sie nicht wirklich tot, ich selbst bin ja auch noch am Leben. Ein bisschen high bin ich trotz des Schlafmittels Rohypnol. Liegt am Kiffen und an den Alkoholika, die ich vorher konsumiert habe. Ferngesteuert und halbwach, zappele ich wie eine Marionette zu den treibenden Elektrobeats. Mit getrübtem Blick, nehme ich wahr, dass die Sonne langsam aufgeht. Die ersten Strahlen beleuchten den mit Abfall übersäten Strand. Ein Bild des Jammers. Überall liegen zerbrochene Bierflaschen, Zigarettenstummel und gebrauchte Kondome herum. Dazwischen liegen abgefüllte und weggebeamte Touristen. Das stört die unermüdliche Hardcorefraktion unter den Tänzern herzlich wenig. Sie tanzen als wäre dies der letzte Tag in ihrem Leben. Nicht mehr ganz klar im Kopf beobachte ich mit wässrigem Blick die übriggebliebenen Aktivisten. Abseits am Rande steht verloren eine langbeinige großgewachsene Schönheit. In meinem Unterleib regt sich wieder was. Um zehn Uhr morgens nehme ich den abgefucktesten Katoey mit nach Hause, der gerade noch zu haben ist und merke es noch nicht einmal!!
Fünf Stunden später. Mit Abscheu und Ekel registriere ich, was ich mir da geangelt habe. Es sieht noch ziemlich männlich aus mein Exemplar, aber Gott sei Dank hat es nicht mehr das, was ich selbst habe, vielmehr war die Operation erfolgreich und das Ergebnis halbwegs ansehnlich. Sie? Es? wird wach und fragt mich mit seltsamer fistel Stimme, die zwischen männlich tief und Mickymouse artig hin und her springt: „You wanna fu[..] me?“ „Hilfe nein!!!“ Das will ich auf kein Fall!! Aber was habe ich die letzten fünf Stunden gemacht? Habe ich S[..] gehabt mit diesem Silikontittengeschöpf? Ich weiß es nicht! Filmriss total!
Aber jetzt muss es raus aus der Hütte. Großzügig drücke ich dem Katoey 1500 Baht in die Hand mit der Hoffnung, dass er möglichst schnell verschwinden möge. MEINE Taktik geht auf, und das Kunstwerk fingerfertiger Chirurgen beginnt seine männerbetörenden Kleiderfetzen wieder anzuziehen. Da meine Kehle trocken wie die Sahara ist, und ich zum 7/11 will, begleite ich den Katoey ein Stück. Auf halbem Wege fährt ein Mädchen mit ihrem Motorbike vorbei, die laut lachend ruft: „Uh!! Farang, Katoey!!“ Sie kommt mir irgendwie bekannt vor. Doch mein Hirn funktioniert nicht mehr, ist nur noch Püree, zu nichts mehr zu gebrauchen.
Am nächsten Tag geht es mir ziemlich mies. Eine heftige Erkältung und schwere Depressionen machen mir zu schaffen. Ich will Joy anrufen. Nein ich muss! Mit einem leichten Hoffnungsschimmer wähle ich ihre Nummer. Am andere Ende meldet sich ihre vertraute junge Stimme. Das tut gut! Mit heiserer Stimme möchte ich wissen, ob sie noch auf der Rave Insel ist. Aber dann erfahre ich, dass sie sich nicht mehr auf Ko Phanghan befindet, sondern bereits auf Koh Samui in ihrer Basthütte sitzt. Übermorgen wird sie nach Chiang Mai fahren, und mein Urlaub geht in fünf Tagen zu Ende. Ich will sie unbedingt noch einmal sehen!
Nach der Geschichte mit dem etwas in die Jahre gekommenen, nicht mehr ganz vorzeigbaren Katoey, kann ich nicht behaupten, dass es mir besonders prächtig geht. Plötzlich sagt Joy, ihre Schwester hätte mich mit einem Katoey gesehen. „Rudi love Ladyboy“ singt sie lachend in ihr Handy. Das kann nicht wahr sein denke ich! Joy legt ihren Finger in die noch schmerzende Wunde um hemmungslos darin herumzustochern. Körperlich geschwächt, fange ich vor Scham und Wut auf mich selbst fast an zu heulen. Dann, ich traue meinen Ohren kaum, erklärt sie leise lachend: „Me Ladyboy Rudi!“ Das hat sie nicht gesagt, ich muß mich verhört haben. Dann wiederholt sie. „My sister see you ladyboy!” “Rudi like ladyboy, Rudi like ladyboy!” Das ist endgültig zu viel für mich! Trotzdem frage ich, ob ich sie morgen treffen kann. Joy willigt ein, und wir wollen uns morgen Abend gegen 20 Uhr vor dem Green Mango treffen. Völlig verstört und deprimiert lege ich auf und packe lustlos meine Klamotten in den Rucksack. Gleich morgen, werde ich die erste Fähre nach Koh Samui nehmen. Es ist früher Nachmittag und genau der richtige Zeitpunkt für zwei Singha Bier. Und weil ich schon dabei bin, werfe ich gleich noch eine Valium hinterher. Apropos! Bald muss ich umsteigen, auf Prozac, wegen der Depressionen, denn alles andere macht kein Sinn mehr.
Homepage:www.3monate-thailand.de erschienen bei www.bod.de
Rüdiger Schlosser
3 Monate in Thailand!
Abenteuer, Männerroman
ISBN 978-3-8370-1716-8, Paperback, 284 Seiten, € 23,99
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