Die Anthologie Leben und Tod enthält mehrere Kurzgeschichten, von Horror bis hin zu Schicksalschlägen, Thirller und Kindergeschichten. Teilweise beruhen die Geschichten auf wahre Begebenheiten. Hier ein kleiner Auszug aus dem Werk:
Hanna saß auf ihrem Bett in der Gefängniszelle. Sie hielt Michaels letzten Brief in der Hand und las ihn sich immer wieder durch. Er war inzwischen also verheiratet. Eine Träne lief sanft ihre Wange hinunter und befeuchtete das Papier. Wenn Sie an ihre Vergangenheit zurückdachte, hatte Sie absolut keinen Grund Stolz auf sich zu sein. Tausende von Menschen hatte Sie in den Tod geschickt, Juden, Zigeuner, Behinderte und politische Gefangene. Aber was änderte das jetzt noch. Sie konnte es nicht mehr rückgängig machen. Morgen würde man Sie entlassen, aber wer wartete den Sie. Eine Familie hatte Sie nicht und ihre große Liebe war inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet. Niemand wartete auf Sie. Sie liebte Ihn immer noch, doch er war vergeben. Michael hatte eine andere Frau das wusste Sie aus seinen Briefen. Er war der Einzigste der ihr in den vergangen Jahren halt gegeben hatte. Ihre Liebe zu Ihm war der Grund warum Sie überhaupt noch am Leben war. Ohne Ihn hätte Sie sich schon längst das Leben genommen. Sie hatte geträumt, dass er Sie beide nach der Entlassung auswandern würden, irgendwo hin in ein anderes Land wo keiner Sie kannte und wo man ihr nicht dumme Fragen wegen ihrer Vergangenheit stellen würde. Doch ohne Michael hatte das jetzt alles keinen Sinn mehr. Es war keine Minute in diesem kalten Gemäuer vergangen, an denen Sie nicht an ihm gedacht hatte. Doch jetzt war alles aus. Er war verheiratet, dass wusste Sie schon lange. Sie hatte es aber verdrängt, Sie hatte sich eingeredet, Michael würde draußen auf Sie warten. Erst jetzt wurde ihr klar dass dem nicht so war, er hatte eine Frau, niemand wartete auf Sie. Keiner wollte wirklich was von Ihr wissen. Alles sahen in Ihr nur die dämliche Analphabetin, die während der NS Zeit Menschen auf grauenvolle Weise hingerichtet hat. Hanna war sich sicher, dass viele Menschen Sie gerne tot sehen wollten. Verdammt noch mal warum musste Ihre Vergangenheit Sie ausgerechnet zu dem Zeitpunkt einholen, wo alles so gut am laufen war. Sie hatte endlich jemanden gefunden, jemanden der es ernst mit Ihr meinte, der mit Ihr glücklich werden wollte und dann da, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt musste Ihre Vergangenheit Sie einholen.
Hanna holte einen Strick hervor, den Sie unter ihrer Matratze versteckt hielt. Sie nahm das Seil in die Hand und lies es langsam immer wieder durch ihre Finger gleiten. Am Ende der Schnur befand sich eine Schlinge. Sie überlegte ob Sie ihrem Leben ein Ende setzten sollte. Schon lange vorher war ihr der Gedanke gekommen, doch ihre Liebe zu Michael hatte Sie am Leben gehalten. Doch jetzt wo er vergeben war spielte das alles keine Rolle mehr. Hannah stieg auf den Tisch in Ihrer Zelle und öffnete das Gitterfenster, eine leichte Brise umwehte Ihr Gesicht. Sie holte einmal tief Luft, schloss die Augen und genoss die dieses kleine Gefühl von Freiheit. Ja für Hannah war die frische Luft immer ein kleines Gefühl von Freiheit gewesen. Alles hatte man Ihr genommen, ihre Liebe zu Michael, ihre Würde ihre Freiheit einfach alles. Aber den Tod konnten Sie ihr nicht nehmen. Nur wenn Sie Tod war würde Sie wirklich frei sein, absolut frei. Frei wie ein Vogel im Wind. Langsam befestigte Hannah das Ende des Seils an die Gitterstäbe, anschließend überprüfte Sie ob es auch stabil genug war. Dann steckte Sie ihren Kopf durch die Schlinge und zog sie fest zusammen. Ein letztes Mal ließ Sie den Blick durch den Raum gleiten. Michaels letzten Brief hielt Hanna während der ganzen Zeit in Ihrer linken Hand. Jetzt ließ Sie ihn fallen. Das Papier segelte langsam zu Boden. Hanna schloss die Augen, ein letztes Mal sog Sie die Luft des Raumes ein. Sie machte von einen Schritt nach vorne.
Hier noch einige Daten:
Autor: Stefan Lamboury
Seitenzahl : 80
Einband: Hardcover
ISBN:978-3-8370-0974-3
http://www.bod.de/index.php?id=296&auto_id=126537#2261
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