Dass Frau Unverzagt mit ihren zwei Buchtiteln “Das Lehrerhasserbuch” sowie “Elternsprechtag” ein längst überfälliges Thema öffentlich gemacht hat, steht sicher außer Frage. Ebenso klar ist, dass der weitaus überwiegende Teil der – zugegeben – teils polemischen Darstellungen im Kern richtig ist. Jede(r), die (der) erleben “darf”, wie sich der Schulalltag heutzutage vielfach darstellt, wird nur zu gut nachempfinden können, dass die von Frau Unverzagt thematisierten Aspekte sehr wohl unübersehbar sind. Angefangen von nicht selten bedenklichen Rahmenbedingungen (verdreckte und wenig einladende Schulgebäude), über zuweilen demotiviertes Lehrpersonal, pädagogisch mitunter unfähiges “Personal”, das nicht selten den Hinweis auf eine “eigene, pädagogische Ausbildung” nicht erspart, und permanent klar erkennen lässt, dass es mit der eigenen, pädagogischen Befähigung nicht gerade gut bestellt zu sein scheint, indem u. a. auch Kindern gegenüber äußerst respektlose Verhaltensweisen gezeigt werden, ignorante und in Teilen feige Schulleitungen, die selbst gröbste Disziplinlosigkeiten nicht angemessen ahnden, Eltern, denen erkennbar nicht selten selbst elementarste Regeln des Anstands sowie eines konstruktiven Kommunikationsstils zu fehlen scheinen, Lehrpersonal, das – wenn überhaupt – nur “hinter vorgehaltener Hand” bestätigt, dass die Zustände in weiten Teilen öffentlicher Regelschulen unzumutbar geworden sind, bis hin zu einer wachsenden Zahl von Kindern, denen erkennbar jegliche Grundlage zur Teilnahme an einem konstruktiven Unterricht fehlt. Kurz: In der Sache tragen die zwei genannten Bücher der Autorin mit Sicherheit dazu bei, “einen Stein ins Rollen zu bringen”. Wenig hilfreich ist aber leider, dass auch dieses “neueste Werk”, Elternsprechtag, den schon im Lehrerhasserbuch vorhandenen “undifferenzierten Grundtenor” beibehält. Unerfreulich ist dies zum einen deshalb, da an vielen Stellen “Fälle geschildert werden”, die schon auf den ersten Blick erkennen lassen, dass es primär nicht um eine Problemlösung, sondern vielmehr um ein nahezu durchweg pauschales “Dampf ablassen” zu gehen scheint. Schädlich sind die vielen undifferenzierten Passagen vor allem deshalb, weil es viele engagierte LehrerInnen (ja, auch die gibt es nämlich noch!) mit in “einen Topf” wirft, die, ebenso wie die Autorin, mit viel Engagement gegen die fraglos in weiten Teilen des Schulalltags zu beobachtenden Missstände, ankämpfen. Die Glaubwürdigkeit der Autorin wäre vermutlich deutlich höher, ließe sie schon in der Sprachwahl und in einer ausgewogeneren Darstellung erkennen, dass es ihr (was man ihr vielleicht sogar grundsätzlich gern glauben möchte) primär um einen “konstruktiven Denkanstoß” und eben nicht – wie hier über weite Passagen zu befürchten – um die Publikation eines polemisierenden, undifferenzierten Vorgehens gegen – fraglos berechtigte Missstände – ankommt. Zur Ehrenrettung der Autorin sei aber klar gesagt, dass es prinzipiell verständlich (wenngleich auch psychologisch nicht besonders geschickt) ist, dass sie auch in ihrer Sprachwahl mitunter “über das Ziel hinaus schießt”, da sie vermutlich – wie sehr viele andere, leidgeplagte Eltern und LehrerInnen auch, unter den fürwahr oftmals extremen Rahmenbedingungen zu leiden hat, so dass ihr dieser teils sehr impulsive und teils undifferenzierte Blick auf einige “Fälle” durchaus nachgesehen werden sollte. Alles in allem sind beide Buchtitel auf jeden Fall sehr lesenswert, denn sie tragen hoffentlich mit dazu bei, dass vor allem viele derer, die bisher nicht selten mit viel Geschick auch gröbste Defizite “schön gerdet haben”, endlich begreifen, dass sich hier massiv Widerstand gegen teils unhaltbare Zustände zu regen beginnt. Im Interesse aller Kinder und Jugendlichen einerseits sowie im Interesse unserer Gesellschaft insgesamt anderseits, ist zu hoffen, dass sehr viel mehr Leute den Mut haben werden, offensichtliche Defizite auch a) als solche zu benennen, und b) diese auch ebenso deutlich und nachhaltig zu beseitigen. LehrerInnen, Schulleitungen und Eltern, die eine derartige Bereitschaft nicht haben, sollten und dürfen sich nicht ernsthaft darüber wundern, dass die Rahmenbedingungen vielfach zunehmend schlechter werden. Wichtig ist, dass vor allem solche Eltern und LehrerInnen ein “Sprachrohr” bekommen, die bisher – teils aus verständlichen Gründen – davor zurück geschreckt haben, unübersehbare Defizite offen zu thematisieren, aus Angst um die eigenen Kinder, oder aus der Angst heraus im Kreis der Kolleginnen und Kollegen als jemand geoutet zu werden, der (die) nicht mehr länger dazu bereit ist, jegliche Verfehlung und Unverschämtheit kommentarlos zu akzeptieren. Der Autorin bleibt zu wünschen, dass es ihr in möglichen, weiteren Büchern zu diesem Thema gelingen möge, eine differenziertere Sprache zu finden, damit ihre fraglos sehr berechtigten Anliegen auch solche LeserInnen ansprechen, die ihr einerseits zustimmen, sich aber anderseits durch eine mitunter eher “kumpelhafte” Sprache abschrecken lassen.
Elternsprechtag (Broschiert)
von Lotte Kühn
208 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur (Juni 2006)
ISBN-13: 978-3426779583
Preis: EUR 6,95
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Bildungsnotstand und Erziehungsnotstand in Deutschland
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